Ortsgeschichte

Das Helene-Nickel-Stift in Röhe

von Adam Elsen und Simon Stump (eingestellt von Klaus Fehr, Leiter AK 2 – Stadtteilforschung Röhe)

Um die Jahrhundertwende (1900) wurde in Eschweiler-Röhe im Kern des alten Ortes das »Helene-Nickel-Stift« gegründet. In den vergangenen 100 Jahren hat dieses ehemalige Doppelhaus – von den Alteingesessenen nur et Kluuste genannt- eine bewegte Geschichte erlebt. Es war über mehrere Generationen für den Großteil der Röher Bevölkerung soziales und geistiges Zentrum, ein Ort der Erziehung, Bildung und karitativen Betreuung, ein Haus für Geselligkeit und Begegnung. Ermöglicht und bewirkt haben dies vornehmlich die in ihm lebenden Ordensfrauen, die über sechs Jahrzehnte ihren Röher Mitbürgern tatkräftige, segensreiche Hilfe und Gastfreundschaft gewährten.

Grundlage für die Errichtung des Nickel-Stifts waren die Vermächtnisse und Schenkungen der wohlhabenden evangelischen Rentnerin Fräulein Anna Josepha Helene Nickel, am 15. Februar 1848 in Röhe geboren und dort am 14. Dezember 1894 verstorben. Sie hatte in ihrem Testament vom 6. September 1891 neben zahlreichen anderen Legaten in Punkt 10 bestimmt: »Sämtliche von mir zu hinterlassenden Immobilien ohne alle Ausnahme, worüber ich in diesem Testament nicht verfügt habe, schenke und vermache ich der Katholischen Kirche zu Eschweiler zu einer Stiftung, welche den Namen Helene Nickel führen soll. Ich knüpfe hieran jedoch folgende Bedingungen:
1. Die beiden zu Röhe auf der Bach- (heute Nickelstraße) gelegenen Wohnhäuser dürfen nur verwendet werden zu einer Anstalt: Hospital für die Pflege armer Kranken ohne Unterschied des Geschlechts und der Confession, und soweit es sich mit diesem Hauptzwecke vereinigen lässt, zu allen solchen Zwecken, die der Krankenpflege dienen. Die Krankenpflege soll in gleicher Weise ausgeübt werden wie in dem zu Eschweiler bestehenden St. Antonius- Hospital und soll die Anstalt in jeder Weise als eine Filiale genannten Hospitals betrachtet werden. Ich wünsche, dass bei der Aufnahme von Kranken diejenigen des Ortes resp. der Pfarrgemeinde Röhe und diejenigen evangelischer Confession bevorzugt werden sollen.
2. Die Einkünfte der übrigen Immobilien, Ländereien, Wiesen und Gärten sollen zu Deckung der durch die in vorbesagter Anstalt auszuübende Krankenpflege verursachten Kosten verwendet werden.
3. Die Verwaltung der besagten Anstalt soll durch den zeitigen Kirchenvorstand von Eschweiler in der nämlichen Art und Weise erfolgen, wie die Verwaltung des St. Antonius-Hospitals, jedoch soll in diesem Verwaltungsrath auch der zeitige Pfarrer der evangelischen Kirche zu Eschweiler sowie der zeitige Pfarrer der katholischen Kirche zu Röhe und der zeitige Ortsvorsteher von Röhe Sitz und Stimme haben. Auch bestimme ich, dass mein Testamentsvollstrecker auf sein Verlangen in dem Verwaltungsrath Sitz und Stimme haben soll.«

Die Stifterin vermachte der katholischen Kirche zu Eschweiler außerdem ein Barkapital von 5.000 Talern zur Ersteinrichtung und Unterhaltung des Röher Hospitals. Für den Fall, dass einer der Bedachten das Legat ausschlagen sollte, bestimmte Helene Nickel weiterhin, dass dieses dann zu vollem Eigentum an den Testamentsvollstrecker, den Röher Notariatsgehilfen Johann Werden (1864 – 1942) fallen solle, und sie fügte hinzu: »Ich wünsche und habe zu ihm das Vertrauen, dass er in diesem Falle dasselbe meiner Absicht gemäß zu gemeinnützigen wohltätigen Zwecken verwendet.«

Die katholische Kirchengemeinde zu Eschweiler, die ihr im Jahre 1848 gegründetes St. Antonius-Hospital in die Eschweiler Burg verlegt hatte, schlug das ihr angetragene Erbe – an Immobilien immerhin 128 Morgen Land – aus, was zu erwarten war. In der Sitzung vom 5. Februar 1895 beschloss der Kirchenvorstand nach eingehender Prüfung der einzelnen Punkte dieser testamentarischen Bestimmung auf das Legat zu verzichten, weil die gestellten Bedingungen zum Teile, sei es in Anbetracht der Stellung des katholischen Kirchenvorstandes, sei es in Anbetracht ihrer Unausführbarkeit, unannehmbar sind. Johann Werden hatte offensichtlich mit dieser Entscheidung gerechnet und bot – jetzt also Universalerbe des Legats – dieses schriftlich noch in gleicher Sitzung erneut der Eschweiler Pfarre an, diesmal unter folgenden Bedingungen: »Die Schenkung soll zu einer Stiftung verwandt werden, welche den Namen Helene-Nickel-Stiftung führt. Die Erträgnisse dieser Stiftung sollen verwandt werden zur Unterhaltung einer ambulanten Krankenpflege innerhalb der Pfarrgemeinde Röhe, zu welcher der Geschenkgeber Ordensschwestern aus dem Mutterhause der Cellitinnen aus Düren berufen zu sehen wünscht (zweifellos ein Wunsch der verstorbenen Helene Nickel, die während ihrer schweren Erkrankung von einer Schwester dieses Ordens aufopferungsvoll gepflegt worden war. d. Verf.). Die Ordensschwestern sollen Wohnung nehmen in den erwähnten Häusern. Die Parterre-Räumlichkeiten des einen neu erbauten Hauses sollen zur Aufnahme einer Kleinkinder-Bewahranstalt hergegeben werden. Die bauliche Einrichtung bzw. Umänderung der beiden geschenkten Wohnhäuser für die Zwecke der Stiftung übernimmt der Geschenkgeber Johann Werden auf eigene Kosten.« (Eine Kleinkinder-Bewahranstalt bestand seit 1886 in Röhe und war in einem der Häuser der Helene Nickel nur provisorisch untergebracht. d.Verf.)

Nach eingehender Beratung und Prüfung der Sachverhalte beschloss der Eschweiler Kirchenvorstand die Annahme der Schenkung. (Es sei hier noch erwähnt, dass auf dieser bedeutsamen Sitzung eine weitere Schenkung des Johann Werden akzeptiert wurde: 60.000 Mark zur Erbauung eines neuen Waisenhauses an dem damaligen Hehlrather Weg in Eschweiler. d. Verf.)

Im Hinblick auf die seitens der Eschweiler Pfarrgemeinde zu erwartenden Maßnahmen beauftragte Johann Werden den Eschweiler Baumeister Johann Lamers sofort mit der Planung und Ausführung einer Verwahrschule mit Mehrzwecksaal als Um- bzw. Erweiterungsbau des Hauses, in dem Helene Nickel lebte und starb.

Der Eschweiler Anzeiger berichtete am 7. Dezember 1894 über die Kinder-Bewahranstalt: »Ein großer Wohltäter in Röhe und für das arme Röhe hat sich gefunden; unsere kleinen Lieblinge haben eine Heimstätte, eine Verwahrschule; keine Anstalt der Stadt kann sich damit vergleichen. Die hervorragend ausgestatteten Räumlichkeiten wurden am 1. Januar 1886 anlässlich der Bescherung von 200 Kleinkindern eingesegnet und feierlich ihrer Bestimmung übergeben.«

Offensichtlich entwickelten sich aber die Dinge nicht im Sinne des Stifters; denn am 28. Dezember 1896 beschloss der Eschweiler Kirchenvorstand dem Wunsch des Johann Werden nach Entbindung von der Schenkung zu entsprechen, in Anbetracht der großen Wohltat, die Herr Werden durch die Schenkung des St. Josephhauses hiesiger Pfarrgemeinde gespendet habe, aber auch mit Rücksicht darauf, dass die geplante Schenkung der Pfarrgemeinde Eschweiler durchaus keine Vorteile, voraussichtlich aber wohl viele Schwierigkeiten verursachen würde.

Johann Werden, erneut Eigentümer der Stiftung, bot nunmehr unter etwa gleichen Bedingungen der Röher Pfarrgemeinde die beiden Wohnhäuser, die Verwahrschule und etwa 40 Morgen Land im Werte von 67.705 Goldmark als Schenkung an. Am 22. August 1898 unterzeichneten Dechant Johnen und Johann Werden den notariell beglaubigten Vertrag. Am 14. November 1899 beantragte der Kirchenvorstand der Katholischen Pfarrgemeinde St. Antonius Röhe beim Erzbischöflichen Generalvikariat in Köln die Genehmigung einer Niederlassung von Schwestern der Genossenschaft der Armen Dienstmägde Jesu Christi in Dernbach / Westerwald, die bereits das zwei Monate zuvor in der Wollenweberstraße gegründete Waisenhaus leiteten.

Schon am 17. November1899 erteilte die Erzbischöfliche Behörde die kirchliche Genehmigung zur Annahme der Schenkung des Johann Werden und zur Übernahme des Nickel-Stifts als Ordensniederlassung für die Schwestern der Armen Dienstmägde Jesu Christi zum Zwecke der ambulanten Krankenpflege und zur Leitung einer Kinderbewahranstalt und einer Haushaltungsschule. Die staatliche Genehmigung zur Annahme der Schenkung war bereits am 1. Juli 1899 erteilt worden. Die ersten Schwestern der armen Dienstmägde kamen am 15. September 1900 nach Röhe. Als Oberin fungierte Schwester Witburgis, die Schwestern Casula und Salomea übernahmen die ambulante Krankenpflege, und Schwester Digna, die designierte nächste Oberin, leitete die Kinderbewahranstalt. (Der Begriff Kindergarten setzte sich erst in den 20er Jahren durch, im Volksmund hieß es immer nur de Vorwaaschöl).

Die kirchlichen Behörden nannten die neue Ordensniederlassung Marienheim, bis sich allmählich die Bezeichnung Kloster Nickelstift durchsetzte. Geistliches Zentrum im Hause war zunächst lediglich ein Zimmer, das als Privatoratorium für Gebet, Betrachtung und Gottesdienst zur Verfügung stand. An die Genehmigung zur Aufbewahrung des Allerheiligsten knüpfte die erzbischöfliche Behörde in Köln die Bedingung, dass ständig mindestens fünf Schwestern im Hause wohnten. Diese Aufgabe war leicht zu erfüllen; das Mutterhaus beorderte schon am 8. Januar 1901 eine Professe (Anwärterin), Schwester Ursa, von Dernbach nach Röhe. Das erste Messopfer wurde am 29. Dezember 1901 gefeiert, und ein Jahr später konnte Vikar Heinen im Auftrag des Erzbischofs die in einem großen Raum eingerichtete Hauskapelle einsegnen. Seit dem 3. Januar 1903 durfte in der Kapelle wöchentlich eine Messe gelesen werden, wobei dann auch der Röher Bevölkerung die Teilnahme gestattet war.

Die Armen Dienstmägde fanden in Röhe ein umfangreiches, dankbares Betätigungsfeld; denn mehr als ¾ aller Haushalte, meist Arbeiter- und Tagelöhnerfamilien, lebten hier um die Jahrhundertwende in armseligen wirtschaftlichen Verhältnissen. Die Schwestern kümmerten sich um alle, um Kinder und Jugendliche, um Alte und Arme, um Kranke und Sterbende. Begeisterten Zuspruch fand die Haushalts- und Nähschule für junge Mädchen, damals eine unentbehrliche Lebenshilfe. Nachdem die erste Oberin 1902 eine Jungfrauenkongregation ins Leben gerufen hatte, war sie auch bei der Gründung eines Mädchenchores und einer Theatergruppe beteiligt, aus der 1911 die Theatergesellschaft Erholung Röhe hervorging. Ein größerer Saal mit Bühne war bereits 1901 im Kloster geschaffen worden; dort fanden im Laufe der Zeit viele Theateraufführungen statt, die bei der Bevölkerung großen Anklang fanden.

Bald zeigte sich, dass der Bauzustand des Hauses und die Räumlichkeiten den ständig wachsenden Anforderungen (in der Kinderbewahranstalt durchschnittlich etwa 100 betreute Kinder!) nicht mehr gewachsen waren; umfangreiche Erweiterungs- und Renovierungsmaßnahmen mussten in Angriff genommen werden. So wurden 1910 die alte, baufällige Treppe zur »Verwahrschule« im 1. Stock durch eine massive Steintreppe ersetzt, der Saal um einen zweiten Saal erweitert – beide durch eine bewegliche Trennwand verbunden – und im Erdgeschoss eine Waschküche eingerichtet. Der große Doppelsaal war schon bald ein unentbehrlicher Versammlungs- und Feierort für Schule, Jugendgruppen und Vereine.

Im Ersten Weltkrieg wurde im Jahre 1916 (bis 1919) im Nickelstift eine Suppenküche eingerichtet, aus der täglich 60 – 70 Kinder gespeist wurden. Eine Volksküche verteilte täglich Essen an 600 Bedürftige. Die Lebensmittel stellte die Stadt Eschweiler bereit. Während der großen Arbeitslosigkeit wurde 1932 im Kloster erneut eine Volksküche eingerichtet, aus der täglich 140 bis 150 Personen beköstigt wurden.

Aufgrund eines Ministerialerlasses wurden Kindergarten und Nähschule am 10. April 1941 durch die Geheime Staatspolizei geschlossen, sämtliches Inventar beschlagnahmt und der Zugang von der Klausur her verriegelt. Die Leitung des Kindergartens wurde der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) übertragen; die Schwestern durften die Räume nicht mehr betreten. Lediglich Schwester Saturnia wurde es gestattet, die ambulante Krankenhilfe weiterhin auszuüben. Pfarrer Elsing versuchte, in einem Schreiben vom 15. April 1941 an die Aachener Gestapo das Schlimmste zu verhindern, in dem er auf die Bedingung des noch lebenden Stifters Johann Werden aufmerksam machte, dass die »Leitung des Kindergartens Ordensfrauen obliege«. Dies brachte ihm Vorladung und Verhör bei der gefürchteten Staatspolizei ein – ändern konnte er nichts mehr.

Während des Zweiten Weltkrieges verursachten die schweren Kämpfe um Eschweiler im November 1944, bei denen der Ort Röhe mehrmals den Besitzer wechselte, am Nickelstift erhebliche Schäden. Die Schwestern hatten anlässlich der Zwangsevakuierung der Eschweiler Bevölkerung relativ spät am 20. September 1944 ihr Kloster verlassen. Mit einem Pferdefuhrwerk zogen sie zunächst nach Altdorf b. Jülich, das sie beim Heranrücken der Front zwei Monate später ebenfalls wieder verlassen mussten. Sie fanden bei ihren Mitschwestern im Vinzenz-Haus in Kerpen Unterkunft und kehrten zu Fuß Karfreitag, den 30. März 1945, nach Röhe zurück.

Gottesdienst wurde zunächst in einem notdürftig hergerichteten Zimmer des Hauses gefeiert. Als zu Pfingsten die provisorisch abgedeckte Hauskapelle wieder benutzt werden sollte, kam unmittelbar vor der Messe die ganze Decke herunter. Zum Glück gab es keine Verletzten. Jetzt wurde der große Kindergartensaal hergerichtet, der dann ab Herbst 1945 der ganzen Pfarrgemeinde als Notkirche diente, da die Pfarrkirche an der Aachener Straße durch Artilleriebeschuss so beschädigt war, dass sie erst 1948 wiederhergestellt werden konnte. Die Schwestern nahmen sofort den Betrieb des Kindergartens wie auch die ambulante Krankenpflege wieder auf. Im Hause fanden Jugendgruppen der Pfarre und die Pfadfinder ihre Unterkunft, der Kirchenchor ein Probelokal, zunächst der Pfarrer, später der jeweilige Kaplan seine Wohnung, und die breite Klostertreppe an der Nickelstraße war vom Frühling bis zum Herbst ein beliebter Treffpunkt für Kinder und Jugendliche des Dorfes.

Nachwuchsmangel zwang die Genossenschaft der Armen Dienstmägde Jesu Christi, am 15. September 1959 ihre Röher Niederlassung aufzulösen. Alle Versuche der tiefbetroffenen Gemeinde, das Mutterhaus in seiner Entscheidung umzustimmen, waren vergeblich. Die letzten Ordensfrauen waren die Oberin, Schwester Evamara sowie die Schwestern Didara, Wenelgarda und Saturnia. Die ambulante Krankenpflege für die Röher Bevölkerung konnte allerdings weitergeführt werden. Schwester Saturnia, die bereits 1936 als junge Novizin nach Röhe gekommen war, durfte im Nickelstift einen Ambulanzraum behalten. Vom Kinderheim St. Josef in Eschweiler aus, deren Konvent sie angehörte, betreute sie ihre Kranken zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Moped und seit 1961 mit einem Volkswagen bis spät in die 80er Jahre hinein. Für ihre mehr als 50-jährige aufopferungsvolle Tätigkeit im Dienste ihrer Mitmenschen verlieh ihr der Bundespräsident im Mai 1987 das Bundesverdienstkreuz.

Der Kindergarten wurde bis zu seinem Umzug im September 1967 in den Neubau hinter der Röher Kirche von der Pfarrgemeinde weiter im Nickel-Stift unterhalten. Nach dem Umzug wurde das Gebäude an das Caritas-Behindertenwerk verpachtet, das hier eine Beschützende Werkstatt einrichtete. Da im Laufe der Jahre das Raumangebot nicht mehr ausreichte, verlegte das Behindertenwerk seine Werkstatt in einen Neubau nach Alsdorf.

Trotz intensiver Bemühungen ließ sich eine anderweitige soziale Verwendung für das Nickel-Stift nicht finden, und so veräußerte die Katholische Pfarrgemeinde das ehemalige Kloster an einen privaten Bauherrn, der in dem Gebäude 11 Wohnungen einrichtete. Bedingung beim Verkauf war, dass die ursprüngliche Fassade blieb, was auch die Zustimmung der Denkmalbehörde fand. So bleibt den Röhern ihr altvertrautes Kloster doch wenigstens optisch erhalten.

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